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Lehmhub · Material

Die Klimakrise braucht viele Lösungen. Lehm ist eine davon.

Die Baubranche ist einer der größten Klima-Treiber, allen voran Zement. Allein die Zementproduktion verantwortet rund 8 % der weltweiten CO₂-Emissionen.

Auf dieser Seite zeigen wir das Material, das einen dieser Treiber spürbar reduzieren kann und dabei Eigenschaften mitbringt, die kein recycling-pflichtiger Baustoff kennt.

Hier lernst du alles über den Baustoff Lehm.

Acht Akte

Akt 2

Was unter unseren Füßen liegt

0Tonnen Aushub in Österreich, seit du diese Seite geöffnet hast
0,0

Wohneinheiten Lehm theoretisch verbaubar

Theoretisches Potenzial: rund 920 000 Wohneinheiten Lehm pro Jahr, aus Aushub, der heute deponiert wird.

In Österreich fallen jedes Jahr rund 46 Millionen Tonnen Aushub an. Etwa 60 % des gesamten Abfallaufkommens.

Mehr als die Hälfte landet auf Deponien.

In einer Wiener Stichprobe waren 10 von 17 Aushub-Proben für den Lehmbau geeignet. Tatsächlich verwertet wird weniger als 1 %.

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Aushub-Check ist gerade in Überarbeitung. In der Zwischenzeit findest du im Werkzeug-Hub alles Vorhandene zur Standort- und Materialprüfung.

Akt 3

Was Lehm überhaupt ist

Bevor wir über Klima-Bilanzen und Kreisläufe reden, ein paar Grundlagen. Lehm ist kein Spezial-Produkt. Er ist die Erde unter unseren Füßen.

01Was ist Lehm?
Ein natürliches Zersetzungsprodukt von Gestein. Über Jahrtausende durch Wasser, Wind und Frost entstanden. Eine Mischung aus Ton, Schluff und Sand, die genauen Anteile bestimmen, was er kann.
02Wo gibt es ihn?
Praktisch überall. In jedem Land, in jeder Region, in unterschiedlichen Zusammensetzungen. Knappheit ist kein Thema, die meisten Baustellen fördern ihn ohnehin.
03Wie wird er gewonnen?
Aushub aus Baugruben, regional, oft ohne zusätzlichen Transport. Aufbereitung verbraucht kaum Energie. Kein Brennen, kein Sintern, kein Klinker, nur Sieben, Mischen, Trocknen.
04Wie nutze ich ihn?
Auf zwei Wegen. Entweder du verwendest Aushub direkt vor Ort, dann musst du deinen Lehm verstehen. Oder du greifst zu genormten Lehmbauprodukten wie Lehmsteinen, Lehmputz und Lehmplatten, die sind so berechenbar wie jeder andere Baustoff.

Zwei Zugänge zum Bauen mit Lehm

Roher Lehm

Aushub direkt vom Baugrund

Spannender Weg, ökologisch optimal, regional, kein Transport. Aber: jede Lehmfraktion ist anders. Wer roh baut, braucht Eignungsprüfung, Erfahrung oder Beratung.

Lehm-Bauprodukte

Lehmstein, Lehmputz, Lehmplatte

Industriell aufbereitet und normiert. Berechenbar wie jeder Hochlochziegel oder Gipsputz. Du brauchst keine eigenen Lehm-Tests, sondern verlässt dich auf die Herstellerangaben.

Beide Wege sind legitim. Welcher passt, hängt vom Projekt ab. Heterogenität des Roh-Lehms ist eine Anforderung, kein Problem.

Lehmbauteile zusammenstellen

Werkzeug Bauteilrechner, kombiniere Lehmstein, Lehmputz und Lehmplatte zu einem Wandaufbau und sieh dir U-Wert, Speichermasse und Kreislauf-Bilanz an.

Akt 4

Wo auf der Welt mit Lehm gebaut wird

Lehmbau ist kein exotisches Nischenphänomen. Auf jedem Kontinent gibt es Regionen, in denen Lehm seit Jahrhunderten Hauptbaustoff ist, und in vielen davon ist er es bis heute.

≈ 100 000

Lehmgebäude in Österreich

Schätzung. Vor allem ältere landwirtschaftliche Höfe, Streckhof, Kellerstöckel, meist verputzt, von außen nicht erkennbar.

Tendenz ↓

sinkend

Abriss älterer Substanz, fehlende Sanierungs-Förderung, kaum Lehmbau-Handwerker im DACH.

fast überall

weltweit verbreitet

In Sahel, Maghreb, Iran, Indien, China, Anden und Südwest-USA traditionell Standard. In Europa regional bis ins frühe 20. Jh.

Vernakuläre Architektur

Vieles, was wie ein gewöhnliches Bauernhaus aussieht, ist in Wirklichkeit ein Lehmhaus. Burgenländer Streckhöfe, Weinviertler Kellerstöckel, Mostviertler Hofgebäude, alle traditionell mit Lehm gemauert oder gestampft, oft verputzt und gestrichen, sodass der Baustoff von außen nicht zu erkennen ist.

Akt 5

Eine kurze Geschichte des Lehmbaus

Lehm ist nicht neu. Er ist älter als die meisten Baustoffe, die wir heute selbstverständlich finden. Und er hat eine bewegte Geschichte hinter sich.

  1. 9 000 v. Chr.· Anatolien

    Çatalhöyük

    Eine der ältesten Städte der Menschheit. Häuser aus Lehmziegeln, dicht gepackt, mit Dachzugang. Lehm war der Standard, lange bevor es einen Standard gab.

  2. 14. Jh.· Mali

    Djenné-Moschee

    Das größte Lehmgebäude der Welt. Wird seit Jahrhunderten jährlich von der Stadtbevölkerung gemeinsam neu verputzt. Lehm als kollektive Praxis.

  3. 16. Jh.· Jemen

    Shibam, das Manhattan der Wüste

    Acht- bis elfstöckige Wohntürme aus Lehm. Beweis, dass Lehm hoch bauen kann, wenn man weiß wie.

  4. 1791· Frankreich

    Cointeraux schreibt das Lehm-Praxisbuch

    François Cointeraux veröffentlicht die École d'Architecture Rurale, eine Pisé-Lehrschrift, die Lehmbau erstmals systematisch und für die Industrialisierung anschlussfähig macht.

  5. 1828· Deutschland

    Sechs-Stockwerk-Lehmhaus in Weilburg

    23 Meter hoch, sechs Geschosse, reiner Stampflehm. Steht bis heute. Lehm war im 19. Jh. ernsthafter Baustoff, kein Notbehelf.

  6. 1920er· Mitteleuropa

    Beton wird Symbol der Moderne

    Bauhaus, Le Corbusier, weiße Putzfassaden. Lehm gilt plötzlich als rückständig, ländlich, arm. Die Verdrängung beginnt.

  7. 1971–2013· Deutschland / Österreich

    42 Jahre ohne Lehmnorm

    Die alten Regelwerke werden zurückgezogen, neue gibt es nicht. Wer mit Lehm bauen will, hat keine rechtliche Sicherheit. Lehm verschwindet aus den meisten Architektur-Schulen.

  8. 2006· Bangladesch

    Anna Heringer baut die METI-Schule

    Junge österreichische Architektin, lokale Handwerker, klassischer Lehm-Stroh-Bau, Weltöffentlichkeit. Lehm wird wieder cool.

  9. 2013· DACH

    Rechtliche Sicherheit zurück

    Eine neue Generation Lehmnormen wird verabschiedet. Architekten dürfen Lehm wieder ohne Einzelfall-Genehmigung verbauen.

  10. 2026· international

    Lehm wird internationale Norm

    Die RILEM-Arbeitsgruppe verabschiedet einen weltweit gültigen Norm-Rahmen für Lehmbau. Aus der Nische ein anerkanntes Bau-Material.

Mehr zur Geschichte des Lehmbaus

Die vollständige Timeline mit über 100 Ereignissen aus 11 000 Jahren Lehmbau, Pionieren, Bauwerken und kulturellen Wendepunkten.

Akt 6

Wasser. Das wirkliche Talent von Lehm.

Lehmputz nimmt aus der Raumluft Feuchtigkeit auf, wenn es zu feucht ist, und gibt sie wieder ab, wenn es zu trocken wird. Gipskarton kann das nur einen Bruchteil davon.

70%
30 % · Wüstenklima60 % · Wohnraum100 % · Bad nach Dusche
Lehmputz119 g/m²

speichert viel Wasser

Gipskarton22 g/m²

speichert kaum Wasser

Aufnahme pro m² Wandfläche bei einem Anstieg von 30 % auf 70% relative Luftfeuchte. Lehmputz puffert Feuchte rund fünf bis sechs Mal stärker als Gipskarton.

Beispiel · Badezimmer

Der Spiegel beschlägt nicht.

Ein Bad mit Lehmputz nimmt nach der Dusche so schnell Wasser aus der Luft auf, dass der Spiegel nicht beschlägt. Die Wand puffert, was sonst auf der Glasfläche kondensiert. Kein Tüfteln mit Spiegelheizung nötig.

Synergie · Holz

Lehm hält Holz trocken.

Holz im Bau hat ein Problem: Feuchte. Lehm löst es nebenher. In einer Holz-Lehm-Wand reguliert der Lehm die Holz-Umgebungsfeuchte und hält die Konstruktion in einem trockenen Korridor, pflegearm, ohne Folien, ohne Sperren.

Raumklima für deinen Standort prüfen

Werkzeug Klimapass, zeigt Temperaturen, Feuchte und Strahlung deines Bauplatzes als Grundlage für die hygrothermische Auslegung.

Akt 5

Lehm ≠ Lehm ≠ Erdbeton

Aushublehm, Qualitätslehm, Stampflehm und Erdbeton sind nicht dasselbe Material. Wer Klimabilanzen vergleicht, muss vergleichen können.

Stampflehm pur

DIN-konform

Erdbeton (CSEB)

stabilisiert

Stahlbeton

Referenz

CO₂

kg / m³ Wand

36–80

lokal, Aushub on-site

≈ 200–280

je nach Stabilisator

400+

C25/30 + Bewehrung

Recyclebarkeit

vollständig

wieder zu Baustoff

nicht möglich

Zement-Hydratation

Downcycling

Schotter, Straße

Norm DACH

normiert

ohne Sondergenehmigung verbaubar

Sonderfall

Zustimmung im Einzelfall nötig

normiert

etabliert

Bindung

Tonmineralien

physikalisch reversibel

Zement 4–10 %

irreversibel

Zement

irreversibel

Eine 40-cm-Erdbeton-Wand mit 7 % Zement enthält pro m² Wandfläche oft mehr Zement als eine schlanke 16-cm-Stahlbeton-Wand. Der CO₂-Vorteil pro m³ kehrt sich pro m² teilweise um.

Vertiefung: Stabilisierungs-Debatte

Wie der Streit zwischen reinem Lehm und Erdbeton in der Lehmbau-Forschung tatsächlich verläuft, und warum es weniger ein technisches als ein politisches Argument ist.

Akt 8

Kreislauf ohne Downcycling

Der wichtigste Unterschied zu fast allen anderen Baustoffen: reiner Lehm bleibt nach dem Rückbau exakt das, was er war. Wasser drauf, gut durchmischt, wieder Baustoff. Beliebig oft.

LehmRohstoffAushubBauteilWand · Putz · SteinRückbauDemontage statt AbrissAufbereitungWasser · Sieben · Mischen

Voraussetzung: keine chemische Stabilisierung. Sobald Zement zugegeben wird, ist die Hydratation irreversibel und der Kreis bricht.

Stahlbeton

  1. Rohstoff
  2. Wand
  3. Abbruch
  4. Schotter

Downcycling: Straßen-Unterbau, dann Ende.

Holz

  1. Rohstoff
  2. Tragwerk
  3. Möbel
  4. Holzfaser
  5. Verbrennung

Kaskadische Nutzung im Idealfall, am Ende energetisch.